Einführung

Es könnte jemand sagen, kurze Texte   schreiben diejenigen, die zu faul sind, längere zu schreiben. Manchmal ist das eine zutreffende Meinung. Aber bestimmt nicht, wenn es sich um Aphorismen handelt. Obwohl Aphorismen und Spruchgedichte zu den kürzesten literarischen Formen gehören, sind sie gleichzeitig doch wohl die schwierigsten. Die schwierigsten – eben wegen ihrer Bündigkeit. Jedes Wort ist hier bedeutend wichtiger als zum Beispiel im Roman. Es gibt keine zusätzlichen Worte, mit welchen sich der Autor abstützen könnte. Deshalb sollte man Aphorismenschreiber als echte Wortmeister anerkennen. Und insofern man Romanschriftsteller Artilleristen der Literatur nennen kann, (weil sie den Leser mit Worten überschütten, wie eine dichte, schwere Kanonenbatterie an der Front), so sind Aphorismenschreiber raffinierte Wortfechter und ihre Degen je kleiner, desto genauer treffen sie sogar das kleinste Pünktchen.

Die Aphorismen und Spruchgedichte von Jurek Grodek sind seit Jahren in der „Gazeta Chojeńska“ zu Gast. Und sie passen ausgezeichnet, insbesondere weil sie oft eine unbeabsichtigte  Pointe zu den nebenan placierten Texten über aktuelle Ereignisse sind. Das beweist, dass unser Aphorismenschreiber ein aufmerksamer Beobachter des alltäglichen Lebens ist.

Stendhal sagte, dass „der Roman ein Spiegel ist, der sich auf der Landstrasse herumträgt.“ Aber nicht nur der Roman. In den Aphorismen besehen wir uns auch wie im Spiegel und können wahrnehmen – wenn wir nur wollen und dazu bereit sind – nicht nur die besten Seiten unserer Seele. Jurek Grodeks Spiegel ist besonders scharf, denn er schaut auf unsere heimische Wirklichkeit mit ausländischer Distanz. Er hat die Gelegenheit, sie mit der Wirklichkeit auf der anderen Oderseite  zu konfrontieren, auf der er seit vielen Jahren wohnt. Es ist für ihn einfacher das zu erblicken, was wir nicht immer wahrnehmen, obwohl wir es täglich anrühren. Aber wahrhaftig sind Grodeks Aphorismen universell und zeigen das, was überall wichtig ist, nicht nur in Polen. Das beweisen auch die Übersetzungen ins Deutsche.

Also besehen wir uns in diesen Spiegelchen, welche – obwohl oft schief sind, aber doch immer scharf.

                                   Robert Ryss - Chefredakteur der „Gazeta Chojeńska“

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